Home
About
Weblog
Texterin
Autorin
Offerten
Leseproben
Rezensionen
Schiffsmeldungen
Die andere Frau
Alberta empfängt
Die Kapuzinergruft
Das Jahr, in dem
Autorenschule
Kontakt
Impressum
Sitemap

„Die Kapuzinergruft“ 

von Joseph Roth

„Es schien mir damals, dass der Krieg durchaus gelegen käme. In dem Augenblick, in dem er nun da war und unausbleiblich, erkannte ich sofort (...), dass sogar noch ein sinnloser Tod besser sei als ein sinnloses Leben.“

Joseph Roth erzählt an der Hauptfigur entlang vom Untergang der österreichisch-ungarischen Monarchie. In melancholisch-zweifelnder  Betrachtung zeichnet der Romanheld jenen historischen Augenblick aus der Sicht der von Irrungen und Wirrungen geplagten „kriegsgeweihten Nachwuchsgeneration“ des Bürgertums auf. Alle diese Jungen und Schönen, sie scheinen aus der Zeit gefallen oder in sie hinein, in einem gelähmten, gelangweilten Zustand verharrend, unfähig Pläne zu machen, Verantwortung zu übernehmen, Familien zu gründen. Kaisertreue bis zum langersehnten Halali, nichtsahnend, außer von dem, was am nächsten liegt: „Direkt aus den Umarmungen kamen sie, und es war ihnen so, als hätten die wichtigsten Kriegspflichten bereits erfüllt. Die Trauungen waren festgesetzt.“ 

Am Rande des Schlachtfeldes trauern halbherzige Witwen, der pubertäre Abnabelungsversuch misslingt zur Weltkatastrophe. Spekulanten und Heuchler kommen in Mode. Andersein ist immer noch schick, doch gereizter, trotziger, weitaus hoffnungsloser jetzt. Nur das Alter stirbt einen ehrenvollen Tod. Die Jugend geht elendig zugrunde und mit ihr geht hin der süße Duft des Müßiggangs. „Später, seitdem ich aus dem Kriege heimgekehrt war, nicht nur gealtert, sondern auch vergreist, waren die Wiener Nächte verrunzelt und verwelkt, ältlichen, dunklen Frauen gleich, und der Abend ging nicht in sie ein wie früher, sondern er wich ihnen aus, erblasste und entschwand, ehe sie noch angerückt kamen.“ Österreich als selbständiger Staat versinkt mit all seinem Glanz und all seiner Glorie, gescheitert und gedemütigt, in eine langanhaltende Bedrückung.

Als Beobachter, Zeitzeuge und Erzähler ist Joseph Roth ein Meister seines Fachs. Allein die Eindringlichkeit banaler Formulierungen macht den Augenblick lebendig und lässt den Leser unweigerlich aktuelle Vergleiche anstellen. Nicht mit erhobenem Finger, wohl aber sehenden Auges schreitet Roth durch die Jahre des Niedergangs, dünnhäutig an Land und Leute sich reibend, unstillbar die Sehnsucht nach der Heimat von einst. Am Ende stirbt es sich wie gelebt: verirrt und aus der Zeit gefallen.

Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2002, ISBN   3-462-01828-0

Katrin Volkmann - Texter & Autorin | kontakt@texter-autorin.de