Home
About
Weblog
Texterin
Autorin
Offerten
Leseproben
Das dunkle Haus
Die Backbude
Rezensionen
Online-Roman
Autorenschule
Kontakt
Impressum
Sitemap

Aus dem Manuskript „Neues aus der Backbude"

Kurz nach sieben.

Im „Salopp“ ist es schummerig. Der Tresen ist voll besetzt, hinter den Stühlen stehen noch mehr Leute und labern den vor ihnen Sitzenden über die Schultern. Ich quetsche mich durch das Gewühle. Spanische Gesprächsfetzen, italienische Schmachtsongs, englische Hot Dogs, russische Papirossi, rheinische Frohnaturen, Pariser – reichlich Stoff, um Bücher zu füllen.

Ich sehe ihn. Ganz hinten in der Ecke. Der letzte Tisch vor dem Abgang zum Klo. Eindeutiger Fluchttyp. Wenns knapp wird, kann er sich zum Pinkeln entschuldigen und übers Kellerfenster in die Fremde aufbrechen. Zum Thema Licht bin ich zweigeteilter Meinung. Zum einen ist es vorteilhaft gedimmt, was meine an Amnesie grenzende Müdigkeit nach einem öden Arbeitstag ohne Kunden in lasziv-erotische Gebärden einzaubert. Zum anderen will ich wissen, mit wem ich es zu tun habe. Dafür ist es konkret zu dunkel.

Jetzt steht er auf. Glättet den Kragen seiner Jacke mit beiden Händen. Winkt. Mit einer Hand. Gaaanz schnell hin und her. Erinnert mich an einen überspannten Scheibenwischer. Die andere Hand liegt auf seiner Brust. Ich trete an den Tisch. Er tritt hinzu und rückt meinen Stuhl zurecht. Ich sitze. Er setzt sich mir gegenüber.

„Hallo.“

„Hallo.“

„Wie schön, dass Sie gekommen sind.“

„Ich habe nichts anderes vor.“

„Glück für mich.“

„Was?“

Die Lautstärke um uns ist himmelschreiend. Damit wir uns verstehen, beugen sich unsere Oberkörper über dem Tischchen entgegen. Ob er Mundgeruch hat? Ob er schnarcht? Rasiert er sich zweimal am Tag? Ich nehme einen leichten Schatten auf seinen Wangen wahr. Außerdem: ein großes Kinn, eher lang als breit, gerade Nase, zwei Nasenlöcher (selbstverständlich ist das nicht!), die Augen stehen etwas eng, was seinen Blick interessant und interessiert macht. Unter der Stirn, eher breit als lang, dunkle Augenbrauen, die über der Nasenwurzel auf Kollisionskurs gehen. Tja, und die Augen?

Ich weiß nicht. Ich weiß es nicht. Ich sehe nichts.

Das liegt daran, dass just in diesem Augenblick die Tischkerze erlischt. Noch mehr Dunkelheit, und die schwarze Seele des sterbenden Flämmchen kriecht mir in die Nase. Ich niese so heftig, dass unsere Köpfe zusammen stoßen. Zum Glück nur die Stirnen, weil ich geistesgegenwärtig das Kinn zur Brust ziehe. Zum Unglück nur meine Stirn. Denn als ich aufblicke, sehe ich meine männliche Begleitung sozusagen in den Seilen hängen. K.O. in der ersten Runde. Ich bewundere meine Schlagfertigkeit und seine Anmut.

Er hat den Kopf zurückgelehnt. Seine Hände bilden eine perfekte Kuppel über seiner gerade noch geraden Nase. Er wiegt sich leicht vor und zurück wie eine junge Birke im Frühlingswind. Er summt. Nein, er betet. Nein, er flucht. Er besinnt sich, schnellt in die Senkrechte, zieht den Bauch ein, der während seiner Meditationsübung unvorteilhaft hervorstand, und stöhnt. Etwas dunkles rinnt unter seinen Händen hervor. Gebührend entsetzt plappere ich zirka einhundert Entschuldigungsfloskeln, während ich nach dem Serviettenständer greife.

Mir erschließt sich augenblicklich der Sinn von „blutleere Beziehung“. Die liegt hier garantiert nicht vor. Keine Beziehung und schon gar nicht blutleer. Wenn bereits beim ersten Rendevouz Blut fließt, sollte man schnellstens Leine ziehen.

Also ziehe ich die Reißleine, bevor die Sache ernst wird, und bugsiere mein willfähriges Opfer nach draußen. Frische Luft tut gut und wir können hier ja auch nicht alles voll kleckern.

Es regnet. Wir stehen im Regen. Er blutet. Ich halte Abstand, damit meine Schuhe nichts abbekommen, und den Schirm, inzwischen er sich notdürftig zu säubern versucht. Er schnaubt. Ich resigniere.

„Wo wohnen Sie?“

„Schnicheitvohie.“

„Schnittchenwiese?“

Sein Blick gibt mir zu verstehen, er fühlt sich unverstanden. 

„Gehen wir zu mir.“ Ich weiß noch nicht, was mich reitet. Vielleicht der pure Wahnsinn. Oder reiten wird? Ich kenne diesen Mann überhaupt nicht. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Oh, Gott, wie lob ich mir die Sicherheit der Backstube!

Katrin Volkmann - Texter & Autorin | kontakt@texter-autorin.de