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Das Jahr in dem wir uns kennenlernten

„Das Jahr, in dem wir uns kennen lernten“ 

von Ethan Canin

Wer Kurzgeschichten mag, wird Ethan Canin lieben: beste amerikanische Short-Stories über Torheiten, Geheimnisse, Beziehungskisten und Lebenslügen ganz allgemein. Ob nun von einem Nachbarschaftskrieg die Rede ist oder von Müttern und Töchtern, von geplatzten Träumen oder versponnenen Alten – jede Geschichte ein zartes Prosastück, sinnlich und mühelos erzählt, erfüllt von sanfter Melancholie: Was wäre, wenn?

Was wäre, wenn man in seinem Leben jemanden anderes getroffen hätte, um den Rest des Weges gemeinsam zu gehen? Was wäre, wenn man die Zeit zurück drehen könnte? Was wäre, wenn man im entscheidenden Augenblick entscheidende Worte gesagt hätte? Was wäre, wenn man das machte, was einem beliebte, ohne Rücksicht auf die Moral der Anderen, ohne Rücksicht auf sich selbst? Was wäre, wenn wir alle so wären, wie wir alle uns gerne hätten?

„Es (mein Leben, d.A.) erinnert mich daran, dass kein Mensch von seiner Zeit wirklich angemessen Gebrauch macht. Wir sind blind und engstirnig. Wir sind so dumm wie die Schnecken und ebenso ängstlich, voller Eitelkeit und falschen Vorstellungen von der Wichtigkeit der Dinge“, resümiert der alternde Mann in „Wir sind nächtliche Wanderer“. Nach sechsundvierzig Jahren Ehe gibt es nichts mehr, worüber es sich zu reden lohnt. Die Träume sind ausgeträumt, die Lebensfreuden abgenutzt. Suchend nach einer Antwort auf die Sinnfrage seines Lebens, geht der Protagonist tagtäglich in der Frühe aus dem Haus und besucht ein öffentliches Aquarium. Seiner Frau begründet er seine Abwesenheit mit Senioren- und Wohltätigkeitsarbeit. In dem Aquarium sieht er sich stummen Fischen gegenüber, er redet mit ihnen in gestohlenen Versen. Gestohlen deshalb, weil er selbst keinen einzigen mehr zustande bringt. In einer Welt ohne Wünsche sind ihm die Worte abhanden gekommen. Derweil sich seine Frau einen nächtlichen Einbrecher ersehnt.

In der Titelgeschichte „Das Jahr, in dem wir uns kennenlernten“, beschließt eine Mutter, ihr Sohn möge seinen Vater besser kennen lernen, obwohl die Familie seit dreizehn Jahren unter einem gemeinsamen Dach lebt. Der Vater willigt ein, seinem Sohn das Golfspiel beizubringen, jedoch die sonntäglichen Ausflüge unternimmt er weiterhin allein. Als blinder Passagier an Bord des väterlichen Autos lernt der Junge eine ganze Menge über weitere Spiele des Lebens.

Neun Geschichten in der Übersetzung von Hans Hermann, die der amerikanische Autor von u.a. „Blue River“ und der Kurzgeschichtensammlung „Die Stadt der gebrochenen Herzen“ zu einem melancholischen Reigen der Verführten arrangierte.

Fischer Taschenbuch Verlag GmbH, 2000, ISBN 3-596-13957-0

Katrin Volkmann - Texter & Autorin | kontakt@texter-autorin.de