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Alberta empfängt einen Liebhaber

„Alberta empfängt einen Liebhaber"

von Birgit Vanderbeke

„Der Himmel war ungefähr blau," und hing keineswegs voller Geigen - so oder ähnlich könnte man diesen Satz auf Seite 28 vervollständigen. Denn Liebe ist anstrengend, und eine Liebe zwischen ungefähr Professor Higgins und ungefähr Eliza Doolittle erst recht. Nur, dass Erziehungsversuche nicht zum Erfolg und sämtliche Fluchten auf ein und dieselbe Umlaufbahn führen: man kommt nicht los, von nichts.

Was ist dran an der Liebe und an Brahms? Warum passen gebügelte Schalfanzüge nicht in Milchmondnächte? Und weshalb nerven gurgelnde Zahnputzfreuden am Morgen, wo doch noch gestern das Küssen so schön war?

Als atemlose Erzählerin versucht Alberta dem Ganzen auf die Spur zu kommen, ironisch, skeptisch, naiv zuweilen, dem tatsächlichen Erleben immer ganz nah durch einen mitunter holprigen Satzbau und eine Detailverliebtheit an Stellen, die für den Verlauf der Geschichte nicht wichtig, jedoch den Denkmustern der Hauptfigur angepasst und damit sinngebend sind.„Seit es das Feuer gibt, machen alle Jugendlichen immer an letzten Abenden Feuer, und alle Mädchen ziehen sich schön an und waschen sich vorher die Haare." (S.20) Mädchen eben. Alberta eben. Erschöpfende Gedanken, Gedankenstränge, Zeitsprünge und nicht zuletzt Schicksalsbeschleunigung durch mutmaßen, lostreten, weglaufen, reinplatzen.

Gefangen zwischen flehentlichem Hoffen, die Liebe endlich hinter sich zu bringen und dem unerklärlichen Trieb vielleicht doch noch irgendwo ein kleines, ganz kleines Schlupfloch, einen vagen, sehr offenen Kompromiss zu finden, die Liebe, diese Heuschreckenplage, die den Milchmond dunkel macht und das Küssen so schön, retten zu können, vielleicht in ein Doppelleben hinüber oder irgendwie anders, später wahrscheinlich, - krankt ihre Beziehung zum schließlich Auserwählten an der nötigen Beherztheit zu einem gemeinsamen Ganzen. Denn die Vergangenheit ist um so vieles leichter zu ertragen als die Gegenwart. Und wo keine Gegenwart, da keine Zukunft.

Birgit Vanderbeke, Jahrgang 1956, schafft es mühelos, mit leichten Worten durch ellenlange Sätze zu führen, ohne den roten Faden zu verlieren: Die Liebe ist ein seltsamer Ort.

Fischer Taschenbuch Verlag GmbH

ISBN 3.596-14198-2

Katrin Volkmann - Texter & Autorin | kontakt@texter-autorin.de